
Gastbeitrag von Sara Theimann
Ein Baueinsatz im ugandischen Flüchtlingslager
Dort sitzen wir also, mitten im Staub, die Hände voller Mörtel, während neben uns ein 93-jähriger Mann in seinem Stuhl lehnt und Musik aus seinem kleinen Radio erklingt. Er beobachtet uns – aber nicht nur wir arbeiten hier. Die Straße ist voller Menschen. Nachbarn kommen vorbei, Kinder scharren sich um uns. Einige Erwachsene helfen uns, Steine zurechtzuschlagen und Beton zu mischen. Immer wieder bekommen wir Ratschläge, wie wir etwas besser machen können. Von den Arbeitern, die hier fest eingeteilt sind und ihr täglich Brot verdienen, aber auch von Menschen, die bereits eigene Häuser gebaut haben. Dieses Haus entsteht nicht durch uns – es entsteht mit der ganzen Gemeinschaft.
Als sein Haus endlich fertig ist, passiert etwas, das alles sagt: Er reicht seinen Stock, auf den er sich immer stützt, einer seiner Nachbarinnen reißt seine Hände nach oben und ruf „Haleluja, Haleluja, Haleluja“. Mehr verstehen wir nicht. Ein Schwall Worte kommt aus seinem Mund in einer Sprache, die wir nicht sprechen. Doch wir sehen ihn, sehen seine Dankbarkeit, seine Freude und die der Menschen um ihn herum. Es ist kein großes Haus, kein perfektes Heim – aber es ist seins. Und das macht den Unterschied.
WAS IST HIER PASSIERT?
In dem Flüchtlingscamp Nakivale in Uganda, das sich für Außenstehende kaum von den umliegenden Dörfern unterscheidet, hat Every Shelter dabei geholfen, ein einfaches, aber stabiles Haus für einen alten Mann zu renovieren, nachdem es von Thermiten zerfressen wurde und eine neue Latrine in den Garten zu setzen. Doch das Wesentliche ist nicht das Haus selbst – sondern das Prinzip dahinter: Hilfe bedeutet nicht, etwas für andere zu tun, sondern sie dabei zu unterstützen, es selbst zu tun.
Wir – eine Gruppe von neun Menschen zwischen 19 und 35 Jahren aus Bremen – durften dabei sein und helfen. Vom 10. Bis zum 17.03.2025 waren wir Teil von zwei Teams mit je zwei Arbeitern aus dem Camp, um insgesamt drei Häuser wieder fit zu machen. Die Bewohner waren körperlich eingeschränkt und konnten es nicht alleine schaffen.
In einer Woche haben wir gemeinsam mit den Menschen vor Ort:
✅ Drei von Termiten befallene Häuser restauriert
✅ Drei Latrinen gebaut
✅ Gespendetes Werkzeug übergeben
EXTRAS:
Die Flucht nach Uganda
Uganda hat eine lange Tradition als Zufluchtsort für Menschen, die vor Konflikten und Unsicherheiten in ihren Heimatländern fliehen. Bereits seit den 1960er Jahren nimmt Uganda Flüchtlinge auf, insbesondere aus den Nachbarländern, die von politischen Unruhen und Bürgerkriegen betroffen sind.
Herkunftsländer und Fluchtgründe (UNO-Flüchtlingshilfe, 2024)
Die meisten Flüchtlinge in Uganda stammen aus folgenden Ländern:
- Südsudan: Über 920.000 Menschen sind vor dem Bürgerkrieg und ethnischen Konflikten geflohen.
- Demokratische Republik Kongo: Anhaltende Gewalt durch bewaffnete Gruppen hat viele zur Flucht gezwungen.
- Burundi, Somalia, Ruanda, Eritrea und Äthiopien: Instabilität und Menschenrechtsverletzungen treiben Menschen in die Flucht.
Ugandas Umgang mit Flüchtlingen (Omata, 2020)
Uganda verfolgt eine fortschrittliche Flüchtlingspolitik:
- Offene Grenzen: Flüchtlinge können einreisen und erhalten Schutz.
- Landzuteilung: Jede Flüchtlingsfamilie bekommt ein Stück Land zur Bewirtschaftung.
- Zugang zu Dienstleistungen: Flüchtlinge dürfen arbeiten und haben Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung.
Diese Politik wird international gelobt, stellt Uganda jedoch vor Herausforderungen (Onen, 2024):
- Ressourcendruck: Die Versorgung von über 1,7 Millionen Flüchtlingen belastet die Ressourcen.
- Finanzielle Engpässe: Abnehmende internationale Unterstützung erschwert die Versorgung.
Vergleich mit Deutschland (Laenderdaten.info, 2024)
Ein Vergleich der beiden Länder verdeutlicht die unterschiedlichen Belastungen:
| Merkmal | Uganda | Deutschland |
| Bevölkerung | ca. 45,7 Millionen | ca. 83,2 Millionen |
| Fläche | 241.550 km² | 357.022 km² |
| BIP pro Kopf | ca. 794 USD | ca. 46.000 USD |
| Flüchtlinge | über 1,7 Millionen | ca. 1,3 Millionen |
| Verhältnis | 3,7 % der Bevölkerung | 1,6 % der Bevölkerung |
Dieser Vergleich zeigt, dass Uganda trotz begrenzter Ressourcen eine erhebliche Anzahl von Flüchtlingen aufnimmt und integriert.
Nakivale – von Perspektiven und Blickwinkel
Das Nakivale Refugee Settlement ist eine der ältesten und größten Flüchtlingssiedlungen in Uganda. Sie beherbergt nach Aussagen der Camp Verantwortlichen aktuell rund 190.000 geflüchtete Menschen aus verschiedenen Ländern wie der Demokratischen Republik Kongo, Burundi, Somalia, Ruanda, Eritrea und Äthiopien auf ca. 185qkm. Diese sind in drei administrative Zonen unterteilt: Base Camp, Juru und Rubondo. Welche wiederum insgesamt 74 Dörfer mit durchschnittlich 800 bis 1.000 Bewohnern pro Dorf umfassen. Die Siedlung bietet grundlegende Dienstleistungen in den Bereichen Schutz, Gemeinschaftsdienste, Bildung, Gesundheit, Wasser- und Sanitärversorgung sowie Lebensunterhalt und Umweltschutz.
In Nakivale hat Every Shelter in Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen mehrere Projekte initiiert, um die Lebensbedingungen der Bewohner zu verbessern. Ein bemerkenswertes Projekt ist die Einführung von Plastikflaschen-Oberlichtern, die in Workshops gemeinsam mit den Bewohnern hergestellt werden. Diese Oberlichter bringen Licht in die oft dunklen Unterkünfte und verbessern so die Lebensqualität erheblich.

Every Shelter: Nachhaltiger Bau als Hoffnungsträger
Every Shelter ist eine gemeinnützige Organisation, die sich darauf spezialisiert hat, für so viele Menschen wie möglich, die geflüchtete und vertriebene sind, adäquate Unterkünfte zu entwerfen und bereitzustellen. Gegründet von Scott Austin Key und Sam Brisendine, beide Absolventen der Rice University, begann ihre Arbeit mit der Entwicklung des „Emergency Floor“, eines innovativen Bodensystems für Notunterkünfte. Im Jahr 2018 wurde Every Shelter offiziell gegründet, um gemeinsam mit Flüchtlingen und Hilfsorganisationen nachhaltige und menschenwürdige Wohnlösungen zu entwickeln (Every Shelter, 2025).
📜 „Wenn wir uns unser Zuhause selbst aufbauen, fühlen wir uns nicht mehr wie Flüchtlinge, sondern wie Menschen mit Zukunft.“ – Ein Bewohner von Nakivale
Das Herzstück von Every Shelter ist der Shelter Depot – ein Materiallager, in dem die Bewohner selbst Werkzeuge und Baumaterialien erhalten, um ihre Unterkünfte zu verbessern. Kein Gefühl von Hilflosigkeit. Sondern ein Ort, an dem Eigeninitiative gefördert wird die Persönlichkeit der Menschen Anerkennung findet und sie positive Inspiration für ein neues Leben finden.
Wie sieht der Weg einer Flüchtlingsfamilie nach Nakivale aus?
Hier der beispielhafte Weg einer Flüchtlingsfamilie nach Nakivale
- Grenzübertritt und erste Registrierung
Eine Flüchtlingsfamilie aus der DR Kongo überquert die Grenze nach Uganda – entweder an einem offiziellen oder inoffiziellen Übergang. Dort erfolgt die erste Registrierung durch ugandische Behörden oder das UNHCR. Medizinische Untersuchungen und Sicherheitskontrollen werden durchgeführt, und falls nötig, erhält die Familie eine vorübergehende Unterkunft sowie Nahrungsmittel. - Transport ins Aufnahmezentrum
Mit bereitgestellten Bussen oder anderen Transportmitteln werden die Flüchtlinge in ein nahegelegenes Aufnahmezentrum gebracht, z. B. in Kisoro. Dort erfolgt eine detaillierte Registrierung mit biometrischen Daten, Angaben zur Familienstruktur und besonderen Bedürfnissen. Die Familie erhält das „Attestation of Asylum Seeker“, ein vorläufiges Dokument, das ihr Aufenthaltsrecht sichert. - Zuweisung und Weiterleitung nach Nakivale
Nach der Registrierung entscheidet die ugandische Regierung zusammen mit dem UNHCR über die Zuweisung in ein Flüchtlingslager – in diesem Fall Nakivale. Der Transport wird organisiert, entweder durch UNHCR-Fahrzeuge oder öffentliche Transportmittel. In Nakivale angekommen, erhalten die Neuankömmlinge erste Hilfsgüter wie Nahrungsmittel, Wasser, Decken und Kochutensilien. - Ankunft und Unterbringung
Im Camp wird die Familie einem der Siedlungsbereiche zugewiesen. Sie bekommt eine Parzelle Land, auf der sie eine Unterkunft errichten kann. Anfangs stehen meist nur Basisbaumaterialien wie Planen, Holzpfähle und Seile zur Verfügung, um einen provisorischen Schutzraum zu errichten. - Erste Versorgung und Unterstützung
Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz oder NGOs stellen weitere Unterstützung bereit, darunter Haushaltsgegenstände, Hygieneartikel und Baumaterialien. Wer sich beim „Shelter Depot“ von Every Shelter registriert, kann zusätzliche Werkzeuge oder Materialien erhalten, um die Unterkunft zu verbessern. - Integration in das Camp-Leben
Die Familie wird in das System für Lebensmittelhilfe eingebunden, beispielsweise durch das World Food Programme mit Essensgutscheinen oder regelmäßigen Nahrungsmittellieferungen. Sie kann medizinische Versorgung in Anspruch nehmen, Kinder in Schulen anmelden und an beruflichen Trainingsprogrammen teilnehmen. Schritt für Schritt verbessern die Menschen ihre Unterkünfte, etwa durch stabilere Baumaterialien oder Solarbeleuchtung, wie sie Every Shelter bereitstellt.
Dieser Prozess stellt sicher, dass Flüchtlinge nicht nur Schutz erhalten, sondern langfristig Perspektiven auf ein neues Leben in Nakivale aufbauen können.
WER HILFT HIER EIGENTLICH WEM?
Wir kamen nicht als Retter – sondern als Lernende. Hilfe funktioniert hier anders: Die Menschen helfen sich gegenseitig, wir sind nur Gäste in diesem Prozess.
Das zeigt sich in jedem Moment:
🔹 Nachbarn tragen Wasser herbei.
🔹 Kinder helfen, wo sie können.
🔹 Erfahrene Dorfbewohner geben Bau-Tipps.
Every Shelter stellt Material bereit, doch die Bewohner bauen selbst – nach ihren eigenen Bedürfnissen, ohne fremde Vorgaben. Die fest angestellten Arbeiter im Camp unterstützen gezielt Menschen, die körperlich nicht dazu in der Lage sind.
Unser Ziel war es, nicht wegzusehen, sondern Teil dieses Miteinanders zu sein. Doch schnell merkten wir: Wir machen nicht den Unterschied. Wir mussten erst lernen, mit den ungewohnten Bedingungen umzugehen, während die Arbeiter längst wussten, wie man effizient baut.
Handwerk ohne Maschinen, aber mit Können:
Das Werkzeug ist einfach, die Steine weich genug, um sie mit einer Machete zu formen. Die Arbeiter sind routiniert, improvisieren geschickt und arbeiten ausdauernd – doch immer mit Zeit für ein Lächeln und einen Witz.
Hier zählt Gemeinschaft mehr als Besitz:
📜 „Wer ist reicher? Der mit einem großen Haus – oder der mit Menschen, die ihm helfen, wenn er es braucht?“
Vielleicht sind nicht die Menschen hier arm, sondern wir – weil wir in einer Gesellschaft leben, in der jeder oft nur für sich kämpft.
WARUM IST DAS WICHTIG?
Every Shelter hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen genau dort zu unterstützen, wo sie es wirklich brauchen – nicht mit pauschalen Lösungen, sondern mit durchdachten, maßgeschneiderten Konzepten.
Es geht nicht darum, Abhängigkeiten zu schaffen, sondern Selbstbestimmung zu ermöglichen. Das bedeutet:
✅ Gebäude, die mit lokalen Materialien und Techniken stabiler gemacht werden.
✅ Lösungen, die Geflüchteten ermöglichen, sich selbst zu helfen.
✅ Hilfe, die nicht nur kurzfristig wirkt, sondern nachhaltig Veränderungen schafft.
Wie Gespräche Brücken bauen
Ein Wort, ein Blick, eine Geste – oft sind es Kleinigkeiten, die Menschen einander näherbringen. Im Flüchtlingslager Nakivale haben wir erlebt, dass Kommunikation weit über Sprache hinausgeht. Manchmal reichte ein Lächeln, eine Geste der Hilfsbereitschaft oder das gemeinsame Tragen eines schweren Eimers Wasser, um eine Verbindung zu schaffen.
Die Geschichten der Arbeiter waren besonders eindringlich. Sie kamen, selber auf der Flucht nach Uganda und leben z.T. schon seit vielen Jahren hier. Nur einer der vier Männer hatte das Bauen überhaupt gelernt, während die anderen stetig dazu lernten, bis sie so gut waren, wie zum dem Zeitpunkt als wir kamen. Einige haben Familie im Camp, andere nicht. Und sie sagen selber, dass das Leben hart ist und auch wenn es ihnen nicht die Karriere ermöglicht, die sie sich vorgestellt haben. Aber sie sind getrieben von einem persönlichen Einfluss, Anteil an dem Leben anderer zu nehmen, neben dem Geld, dass sie für ihr tägliches Leben verdienen.
Sie lehrten uns indirekt, wie wichtig es ist immer sein bestes zu geben, immer sauber zur Arbeit zu kommen und sich voll in die Arbeit reinzuhängen. Die Wertschätzung und Zufriedenheit der Menschen, denen sie beim Bau helfen, sorgen für weitere Aufträge.

WAS KANNST DU TUN?
Viele Menschen möchten helfen, wissen aber nicht, wie. Man muss nicht selbst ins Flugzeug steigen, um etwas zu bewirken. Hier sind drei konkrete Wege, wie du unterstützen kannst:
1. Every Shelter unterstützen
Mit einer Spende hilfst du, nachhaltige Lösungen zu finanzieren – zum Beispiel wetterfeste Materialien für den Bau stabiler Unterkünfte. Jeder Beitrag zählt.
2. Wissen teilen
Viele wissen nicht, wie sie sinnvoll helfen können. Sprich darüber, teile Geschichten wie diese. Bewusstsein ist der erste Schritt.
3. Gezielte Spenden statt blinder Hilfslieferungen
Nicht jede gut gemeinte Spende hilft wirklich. Es ist besser, Organisationen zu unterstützen, die den echten Bedarf vor Ort kennen.
Fazit
Hilfe bedeutet nicht, dass wir „denen da“ etwas geben – sondern dass wir erkennen: Wir sind alle Teil einer Welt, und es geht darum, einander zu stärken.
📜 „Der Mensch wird am Du zum Ich.“ – Martin Buber
Wir sind nur dann wirklich, wenn wir einander begegnen.
Vielleicht geht es gar nicht um die Frage, was wir „geben“ können.
Vielleicht geht es darum, was wir lernen können.
Über die Gastautorin:
Sara ist Gründer:in von Mindshift Compass – einem Blog für persönliche Entwicklung, neue Denkweisen und nachhaltige Veränderungen im Alltag und Beruf. Mit einem Mix aus Reflexionsimpulsen, fundiertem Wissen und praxisnahen Tools unterstützt er/sie Menschen dabei, eingefahrene Denkmuster zu hinterfragen und bewusst neue Wege zu gehen. Sein/Ihr Fokus liegt dabei auf innerem Wachstum, mentaler Klarheit und dem Mut zur Veränderung.
Weitere Artikel und Impulse findest du auf: mindshift-compass.de
Alle Bilder wurden von Sara zur Verfügung gestellt.

